Das MS fasst 58 Stücke zusammen,
die alle für die 11-chörige Barocklaute angelegt sind.
Durch Abfolge der Sätze/Tänze, Widmungen, Handschrift
und Tonarten lassen sich dabei 9 Sonaten/Suiten identifizieren.
3 Stücke sind als Einzelstücke anzusehen.
Die Sonate/Suite
Nr. 1 besteht aus 7 Sätzen (Grundtonart:
G-Dur) und trägt die Überschrift: "La querelle
d´ Amour". Die Sonate/Suite
Nr. 2 besteht aus 6 Sätzen (Grundtonart:
F-Dur) und ist mit der gleichen Handschrift notiert wie die
Sonate/Suite Nr. 1. Es handelt sich bei diesen beiden Sonaten/Suiten
ganz offenkundig um Stücke für zumindest zwei Instrumente,
von denen nur die Lautenstimme vorliegt! Gleiches dürfte
für die Sonate/Suite
Nr. 8 gelten; auch
sie wohl ein Ensemblestück. Auf die Übertragung wird
verzichtet.
Die Sonaten/Suiten
3 bis 7 sind
von einer Hand geschrieben. Die Kopistin/der Kopist muss es
bei diesen Sonaten/Suiten entweder sehr eilig gehabt haben oder
sie/er hat schlichtweg schlechte Arbeit geleistet, da es eine
Reihe von auffälligen Fehlern gibt, zum Teil von ihrer
Hand/seiner Hand korrigiert, andere, gerade die eklatanten aber
nicht.. Das wirklich Bemerkenswerte ist, dass diese sich spätestens
beim Spielen der Tabulatur offenbarenden Fehler nicht korrigiert
worden sind! Entweder hat die Eigentümerin/der Eigentümer
des Manuskriptes „genial“ interpoliert oder das Manuskript nie
gespielt. Wer würde offenkundige Fehler in einem Manuskript,
wenn sie/er es denn als Vorlage nutzt, nicht eigenhändig
korrigieren schon beim ersten Durchgang? Wurde diese Sonate/Suite,
vielleicht sogar das gesamte Manuskript, einfach „zu den Akten“,
also zu einer Sammlung genommen, die lediglich repräsentativen
Charakter hatte, nicht aber als Vorlage zum aktiven Musizieren
diente?
Die Sonate/Suite Nr. 3 besteht aus 7 Sätzen (Grundtonart:
F-Dur). Die Überschrift zur einleitenden Allemande enthält
den Hinweis "Allemande du comte bergen" und stellt
damit eine Beziehung zum Komponisten und Lautenisten Graf Bergen
her. Die "Bourée" ist aus einer anderen Publikation
eindeutig Graf Bergen als Komponisten zugeordnet. Der Schluss
liegt nahe, dass die Sonate/Suite Nr. 3 insgesamt Graf Bergen
als Komponist zugeordnet werden kann.
Zu meiner Übertragung der Sonate/Suite
Nr. 3 und der dabei vorgenommenen Anpassungen (siehe Editionsbericht)
hat sich mittlerweile Markus Lutz kritisch-konstruktiv geäußert.
Er vertritt die Position, dass die im Basslauf von Alemande
und Sarabande im Original enthaltenen dissonanten Durchgangstöne
gerade erst die Spannung dieser Sätze ausmachen, während
ich diese als Fehler des Kopisten unterstellt und korrigiert
habe. Die Spannung in der Allemande entsteht für mich durch
den vorvorletzen, in der Sarabande durch den vorletzten Takt.
Wie dem auch sei: Dank an Markus Lutz. Und damit unser Disput
transparent wird, gibt es nunmehr auch eine Übertragung
der Sonate/Suite Nr. 3 mit den dissonanten Durchgangstönen
im Bass bei Allemande und Sarabande! Sonate/Suite Nr. 3_orig.
Die Sonate/Suite Nr. 4 besteht
aus 5 Sätzen (Grundtonart: a-moll). Die Überschrift
zur einleitenden Allemande enthält wieder den Hinweis auf
Graf Bergen. Ein besonders eklatantes Fehlerbeispiel findet
sich in der Gigue. Siehe dazu den Editionsbericht.
Die Sonate/Suite Nr. 5 besteht aus 7 Sätzen (Grundtonart:
Bb-Dur). Diese Gruppierung beginnt mit einem Menuet, in dessen
Überschrift auf den Prinzen von Lobkowiz hingewiesen wird:
"Menuet du prince lobkowiz". Den gleichen Hinweis
hat die Überschrift zur eigentlich eine Suite, so denn
kein "Prelude" vorangestellt ist, einleitenden Allemande:
"Allemande du prince de lobkowiz". Beim Prinzen Hyacinth
von Lobkowiz handelt es sich um einen hervorragenden Förderer
der Musik, der auch selber für die Laute komponiert hat
- vgl. hierzu die bei TREE-Edition erschienene GOESS-Sammlung.
Die Gigue der Sonate/Suite Nr. 9 (Komponist: S.L. Weiss) enthält
ebenfalls einen Hinweis auf Prinz Lobkowiz (s.u.), allerdings
einen eindeutig widmenden, besser: anweisenden, da es um das
Umschlagen der Seite geht, während bei der Sonate/Suite
Nr. 5 von Prinz Lobkowiz als Komponist ausgegangen werden kann.
Die Sonate/Suite Nr. 6 besteht aus 6 Sätzen (Grundtonart:
Bb-Dur). Die Überschrift zur einleitenden Allemande enthält
wiederum den Hinweis auf Graf Bergen: "Allemande du comte
bergen".
Die Sonate/Suite Nr. 7 besteht
aus 5 Sätzen (Grundtonart g-moll). Die Überschrift
zur einleitenden Allemande enhält einen Zusatz, der als
"de E Borselli" oder "de G Porsilli"
zu lesen sein könnte. Es dürfte sich tatsächlich
um G. Porsille handeln, der als Gesangslehrer ab 1711 und Hofkomponist
ab 1720 in Wien tätig war. Siehe Einzelheiten im Editionsbericht.
Im Manuskript folgen nun 6 von einer
Hand notierte Stücke, von denen die ersten 5 aufgrund ihres
tonartlichen Zusammenhanges als Sonate/Suite gruppiert werden
können: Giga (?) (F-Dur), Allemande (d-moll), Menuett (F-Dur),
Bourée (F-Dur), Allegro (F-Dur). Folgend wird diese Gruppierung
als hypothetische Sonate/Suite
Nr. 8 bezeichnet.
Es handelt sich offenkundig um die Lautenstimme eines Ensemblewerkes.
Dank an Markus Lutz, der meinen Eindruck mit Hinweis auf das
"Trio tacet" nach dem Menuett bestätigt hat.
Auch dieses Werk hat für mich keine Priorität zur
Übertragung.
Die sich abschließende "Aria", von gleicher Hand notiert, ist jedoch deutlich abgehoben,
da in Bb-Dur stehend und die Bezeichnung einen schier unleserlichen
Zusatz trägt. Laut Christian Meyer ("Manuscript sources
in tablatures. Lute and Theorbo c. 1500 - c.1800"; online
unter:
http://www-bnus.u-strasbg.fr/smt/smt.htm) heißt dieser Zusatz "Aria sono
amante, e sono figlia". Die Aria soll von A. Caldara (1670
- 1736) stammen, auch Vize-Kapellmeister am Wiener Hofe. Dank
für diesen Hinweis an Markus Lutz.
Die folgenden 9 Stücke, notiert
von einer Hand, sind mit "Silvius
Leopoldus Weiss"
überschrieben und dürfen wohl zu Recht als Autographen
angesehen werden. Allemande, Courante, Boureé, Sarabande,
Menuett, Gigue und das dann anschließende Prelude stehen
in F-Dur und sind als Einheit zu sehen (Sonate/Suite Nr. 9). Nach dem Wiederholungszeichen in der
Gigue ist notiert: "V.E.H.L.b. di Volare", das in
der 1717 von Weiss für Prinz Lobkowitz geschriebenen Sonate
interpretiert wird als: "V. (ostro) E. (ccellenze) H. (yacinth)
L. (obkowitz) b. (isogno) di Volare" = "Ihre Excellenz
Hyacinth Lobkowitz muss die Seite umschlagen". Von dieser
Sonate/Suite gibt es auch abweichende Fassungen im London und
Dresdener MS, wobei die Kernsätze "Allemande",
"Courante", "Sarabande" und „Gigue“ nahezu
identisch sind. Siehe dazu auch den Editionsbericht.
Es folgen eine Angloise in D-Dur, die mit minimalen Abweichungen auch
in der Suite Nr. XIII des Londoner MS enthalten ist, und das
Menuett "Mad: la grondeuse"
("Die schimpfende Damen", so Michel Cardin. Mögliche
Übersetzung aber auch als "Frau Zürnend")
in A-Dur.
Die Veröffentlichung der Übertragungen
der Solostücke des Manuskriptes auf dieser Seite erfolgte
nach und nach. Verzichtet wurde auf die Übertragung der
Sonaten/Suiten Nr. 1, 2 und 8, da jeweils die weitere Stimme/die
weiteren Stimmen dieser Ensemblestücke fehlen bzw. zumindest
mir nicht bekannt sind.
Die Solostücke des Manuskriptes
V1078 können alle zusammen (mit meinen Anpassungen und
Ergänzungen/Änderungen) und ebenso der Editionsbericht
mit einigen Überlegungen zur Herkunft des Manuskriptes
heruntergeladen werden. Die Solostücke sind aber auch einzeln
verfügbar.