Michael Treder (MT):
Miguel, Du bist in Lissabon geboren. Warum bist Du nach Paris gezogen?
Miguel Serdoura (MS):
Nach meinen Gitarrenstudien, die ich 1994 abgeschlossen habe, arbeitete ich wegen meines Interesses an dem Phänomen
Klang und Klängen ein Jahr lang in einem elektro-akustischem Studio in Lissabon zusammen mit einige Komponisten. Ich habe mich immer für Klänge interessiert, egal ob es sich um die Laute oder das Klavier handelt
(meine Großmutter war übrigens Pianistin!). Klang ist ein sehr abstraktes Konzept. Klang kann auf unterschiedliche Weisen beeinflusst werden und Du kannst das Phänomen untersuchen. Ich hatte die Gelegenheit,
einige Kurse am IRCAM, einem sehr bekannten Zentrum für moderne Musik in Paris zu belegen. So ging ich dann im November 1995 nach Paris. Der nächste Schritt war dann die Aufnahme des Musikstudiums an der Pariser
Universität, Schwerpunkt elektro-akustische Musik. Der Grund nach Paris zu kommen und dort auch zu bleiben, waren Musik und Klang!
Nach dem ersten Jahr in Paris hatte ich irgendwie das Gefühl, etwas Substantielles zu vermissen, und das war
die tatsächliche Musikausübung, die Art und Weise ein Instrument zu spielen. Und ich wollte etwas Neues ausprobieren!
MT:
Gab es einen besonderen Grund, die Laute als neues Instrument zu erlernen?
MS:
Zu der Zeit spielte ich ja schon Gitarre und suchte irgendwie nach Leichtigkeit und Weichheit, etwas, dass den inneren Frieden bringt. 1993 hatte ich zum ersten Mal eine Laute
abgebildet gesehen im Begleitbuch zur Bach-CD von Toyohiko Satoh. Es handelte sich um eine sehr zart aussehende theorbierte Laute mit dreigeteiltem Kopf. Ich erwarte ich einen viel raffinierteren, edleren Klang als bei der
Gitarre, war dann beim Anhören der CD doch etwas enttäuscht, weil meine Erwartung nicht in vollem Umfange bestätigt wurde. Dieser erste akustische Eindruck einer Laute hat mich dann aber nicht davon abgehalten,
in Lissabon nach jemandem zu suchen, der mich auf einem solchen Instrument unterrichten könnte, um den Klang einer Barocklaute live erleben zu können, besser: selber zu erzeugen. Leider gab es in Lissabon nur einen
Oud-Lehrer; die Oud war aber eben nicht das, wonach ich suchte. Rein zufällig traf ich jemanden, auch Portugiese, der vor einigen Jahren bei Hopkinson Smith studiert hatte. Er versprach mir, ein Instrument zum Ausprobieren
nach Lissabon zu bringen. Irgendwie fühlte ich mich leicht betrogen, als er dann – so freundlich es war – eine Renaissancelaute brachte. Ich dachte, ich hätte ausreichend klar gemacht, dass es eine Barocklaute
sein sollte, an der ich seinerzeit eben so sehr interessiert war. Die drei Ereignisse: der Klang nicht so, wie ich ihn erwartet hatte, nur ein Oud-Lehrer in Lissabon, eine Renaissancelaute statt der erwünschten Barocklaute
zur Ansicht, stürzten mich in tiefes Grübeln, ob es vielleicht nicht doch zu spät sei, ein neues Instrument zu lernen, vor allem, weil ich so stark engagiert war in der elektro-akustischen Thematik. Dieses Grübeln
führte dann kurzerhand zu einer umfassenden Reflexion meines Lebens, meines Interesses an Klang und der Musik, der umgebenden Wirklichkeit und all den Klischees wie: “Du musst sehr jung sein, um ein neues Instrument
zu erlernen!” Da sagte ich zu mir selbst: “Warum nicht? Lass´ es uns wagen!” Ich liebe es nämlich, Dinge zu tun, von denen andere sagen, es sei unmöglich! Lasse etwas zurück, um etwas Neues zu finden! So ging ich nach Paris und begann für zwei, drei Monate
mit Privatunterricht bei Claire Antonini, machte die Aufnahmeprüfung am Konservatorium und wurde angenommen. Daran anschließend, 1999, ging ich nach Basel, um dort bis 2004 bei Hopkinson Smith an der Schola Cantorum
Basiliensis zu studieren. Die Begegnung mit Hopkinson Smith war prägend und entscheidend für mein musikalisches, nein, ich gehe weiter, auch für mein geistiges Leben. Wie ich hier jetzt mit Dir zusammen sitze
und spreche, verdanke ich zu einem großen Teil Hopy, der mich dazu gebracht hat, ein Universum in mir selbst zu entdecken. Er hat mich gelehrt, wie ich den Klang in mir wahrnehmen, wie ich meine eigenen Möglichkeiten
entdecken und meine eigenen Techniken entwickeln kann. Ein Lehrer, der Dich lehrt, Dich selbst zu unterrichten! Fantastisches Konzept, nicht wahr? Geht es bei Musik nicht immer darum: Freiheit?
MT:
Wir hatten eingangs schon die Gitarre erwähnt. Wie steht es bei Dir mit der Portugiesischen Gitarre und dem
Fado?
MS:
(Lachen) Fado ist die Musik, die mich am meisten inspiriert. Ich weiß nicht, warum das so ist; es ist eben
so! Ein Freund hat mir einmal eine Portugiesische Gitarre zum Ausprobieren geliehen. Das Problem sind die Metallsaiten, die eine hohe Spannung haben. Spätestens nach einer halben Stunde bluten Deine Finger, wenn Du es
nicht gewohnt bist, dieses Instrument zu spielen. Es funktioniert nicht, beide Instrumente parallel zu spielen. Für die Laute brauchst Du weiche, zarte Finger, fast wie Seide. Musikalisch aber ist Fado Klang und Seele,
Tiefe und Raffinesse. Hör´ Dir eine CD von Maria Teresa de Noronha oder Amalia Rodrigues an, dann wirst Du genau wissen, was ich meine ...
MT:
Während des IFL hast Du Musik von Hagen und Falkenhagen gespielt. Deren Musik kann man ansiedeln zwischen einem
sehr späten Barock und einem frühen klassischen Stil. Andrew Maginley hatte die gleichen Komponisten für sein Konzert beim IFL in Köln vor zwei Jahren ausgewählt. Wie er seinerzeit in Köln, warst
Du jetzt hier in Füssen der jüngste unter den auftretenden Lautenisten. Was macht Hagen und Falkenhagen so interessant für junge Lautenisten?
MS:
Zu allererst, so denke ich, die technische Herausforderung. Es beginnt mit der Herausforderung, der Du Dich selbst
mit dieser Musik stellst. Und es scheint, diese Musik wird selten gespielt. Wenn Du mit der Erarbeitung der Stücke beginnst, scheint es sich um komplizierte Musik zu handeln, ohne definierte Linien, vergleichbar französischer
Musik. Dann aber entdeckst Du, und das ist meine Sichtweise, das es sich um die ausgefeilteste Musik handelt, die Du vor Mozart spielen kannst! Bach ist sehr komplex, sehr tiefgehend, beinahe “religiös”, doch Hagen
und Falkenhagen, besonders aber Hagen, sind wie eine Stickerei von Gefühlen. Stickereien, wie sie bei den Damen in Füssen an traditionelle Kleider zu sehen waren: filigrane Handarbeit! Die Musik von Hagen ist voller
Intelligenz und Weichheit. Sie fordert, weit hinter das zu schauen, was Du vermeinst zu sehen und nicht auf einer Ebene der Klangeffekte zu bleiben, die gelegentlich Gitarristen zu eigen ist. Jede Note muss hier sprechen,
ohne jemals zu betrügen! Für mich hat diese Musik einen Charakter von Fado: alles ist sehr konzentriert, viel ehrlicher. In 10 Noten wird ausgedrückt, wofür andere Komponisten 45 brauchen. Diese Musik ist
auf die wichtigen Dinge ausgerichtet und spricht direkt die Seele an. Es ist wie der Versuch, einem Kind den Tod zu erklären. Du kannst ihm nicht einfach sagen, dass der Körper, die Physis, eines Tages sterben wird
und das dies eventuell auch mit großen Schmerzen verbunden ist. Du hast das, was so tiefgehend und furchteinflößend ist, in einer sehr behutsamen Weise, mit Hoffnung, Frieden und Spiritualität zu sagen.
MT:
Das Repertoire von Hagen und Falkenhagen ist nicht endlos. Was wirst Du nach diesen beiden Komponisten spielen.
MS:
Es gibt Musik in einigen Manuskripten, die vergleichbar ist, aber derzeit noch dem wohlbekannten Komponisten “Anonymus”
zugeschrieben wird. Es gibt noch einige unbekannte Komponisten aus dieser Epoche oder Komponisten wie Kropfganz, Straube oder Daube, die ich erarbeiten möchte. Doch werde ich sicherlich nicht mein Leben lang nur die Musik
– zeitlich gesehen – der späten Laute spielen. Es gibt noch so viel zu entdecken und zu spielen. Ich denke an Weiss und die vielen Wurzeln, die zur Musik der Spätzeit der Laute geführt haben. Ich denke auch
an Losy und Reussner. Sehr interessiert bin ich an Laufensteiner. Ich habe alle bisher bekannte Musik von ihm gespielt und in einem Solo-Programm zusammengestellt. Nach einigen Monaten habe ich aber entschieden, dieses Projekt
noch nicht aktiv weiter voranzutreiben, sondern die Musik im Inneren sich in Stille weiterentwickeln zu lassen. Im nächsten Jahr nehme ich den Laufensteiner wieder auf! Weichenberger, ebenfalls ein großartiger österreichischer
Komponist, ist für mich ebenfalls von Interesse. Natürlich ist die französische Musik nicht zu vergessen. Robert de Visée, dessen Lautenmusik noch nicht so bekannt ist, oder Mouton, Gaultier und Durant.
Zu Bach. Ich hatte immer ein Problem mit Bach, weil ich mich irgendwie eingeschüchtert fühlte, vergleichbar
einem Kind, das sich beim Besuch der Kirche eingeschüchtert fühlt, weil die Erwachsenen ihm sagen, es solle in der Kirche still sein und sich sehr respektvoll verhalten. Das Gegenteil sollte m.E. nach der Fall sein:
Du solltest Dich an dieser spirituellen und sozialen Erfahrung erfreuen! Ich denke, das 20ste Jahrhundert hat uns vor Bach in Ehrfurcht erstarren lassen. Wir haben ihn soweit intellektualisiert, dass er unwirklich geworden
ist, weit entfernt von unseren Herzen, abstrakt! Bach, denke ich, ist nicht mehr als Weiss, als Du oder ich. Er war einfach ein Mensch, der sehr, sehr gute Musik komponiert hat. So bereite ich auch ein Bach-Pogramm vor, bei
dem ich mich bemühe, ihn mit Sonne, Helligkeit und Frische zu sehen, was für mich bedeutet, sehr tief in seine Musik einzudringen, um ihre Süße und Leichtigkeit herausbringen zu können. Das Bach-Verständnis
im 20. Jahrhundert tendiert hingegen zu einer Auffassung, die Bürde des Lebens und die Last dieser verrückten Welt in der Bachschen Musik ausgedrückt zu finden. Dem vermag ich nicht zu folgen. Ich suche nach
der Schönheit! Das Klischee deutscher Musik ist immer, sie sei schwer, sehr schwer. Und dann studierst Du Musik von Bach und findest, sie ist leicht! Manchmal leichter und fragiler als französische Musik. Diese Art
zu Denken und Musik über Klischees zu kategorisieren ist einer der Gründe, warum ich so gern Fado höre und nicht klassische Musik. Ich finde übrigens auch Pop-Musik gut. Jede Art von Musik kann gut sein.
Ihre Qualität herauszufinden, musst Du sehr tief in sie hineinhören und Dich von den Klischees frei machen. Alles kommt vom Klang!
MT:
Wie ist es um eine erste CD bestellt?
MS:
Ich würde gerne eine CD mit Musik von Hagen und Falkenhagen einspielen, auch, weil es von diesen beiden Komponisten
noch nicht so viele Aufnahmen gibt. Vielleicht ist es eine gute Idee, einmal bei deutschen Produzenten und Labeln nachzufragen, ob Interesse besteht, die Musik dieser deutschsprachigen Komponisten einzuspielen, wenngleich
ihre Musik natürlich polyglott ist. Das ist bitte schon als Aufruf zu verstehen!
Die Wirklichkeit ist leider drückend. Seit drei Monaten lebe ich wieder in Paris, zurück nach fünfjährigem
Aufenthalt in Basel. Jeden Tag wache ich auf und schicke 4 oder fünf CD-Demos an Labels und Festivalveranstalter. Und in all diesen drei Monaten habe ich bis heute keine Antwort erhalten. Wenn Du mit Freunden sprichst,
die bereits CDs eingespielt haben, stellst Du fest, dass Du die Leute in den Aufnahmestudios bzw. bei den Labeln kennen musst. Du brauchst Kontakte. Wenn Du die Leute nicht kennst bzw. umgekehrt, sie Dich nicht persönlich
kennen, hören sie nicht einmal in Deine Demo-CD hinein. Einmal habe ich jemanden direkt angesprochen, die eine CD von Freunden von mir produzierte. Sie fragte:
“Gibst Du viele Konzerte? Bist Du schon im Markt positioniert?”
Und – wie all die anderen Lügner – antwortete ich: “Ja, natürlich!” Das ist das Problem: Produzenten, Vertreter von Labeln etc. wissen nicht, was wirklich geschieht. Wenn Du in den Markt willst, musst Du
schon eine CD haben. Um eine CD zu produzieren, wirst Du aber gefragt, ob Du Dich schon am Markt etabliert hast. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Es geht bei den Festivalveranstaltern genauso weiter: Du schickst
einen Vorschlag für einen Beitrag, doch die Leute kennen Dich nicht und laden Dich deshalb nicht ein. Sie brauchen etwas wie eine CD als Referenz. Auf dem Markt gibt es viele CDs; gute, nicht so gute und die anderen.
Du brauchst einfach eine CD, die von einem versierten Unternehmen aus der Branche produziert und vertrieben wird.
MT:
Wie schätzt Du das IFL in diesem Zusammenhang ein?
MS:
Das IFL ist eine sehr gute Möglichkeit, die Ergebnisse Deiner Arbeit, Dich zu präsentieren. Das Festival
läuft seit Jahren gut und hält einen hohen Standard bei den Vorträgen wie bei den Konzerten. Es wird immer bekannter. Am IFL teilgenommen zu haben, ist wesentlich! Für uns junge Lautenisten, die eine Solo-Karriere
anstreben, ist das IFL eine Art Vitrine, ein Schaukasten. Der Punkt ist aber: wir brauchen eine Vielzahl solcher Schaukästen!