.Livre du Luth des Pater Hermien Kniebandl 

Tabulaturen für Laute und Gitarre - Tablatures for the Lute and the Guitar

Barock und "Galante Musik" - Baroque age and "Galant music"

 



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02.09.2010

 

 

 Interview mit
Michael Freimuth
(2007))

 

Michael Freimuth

 

 

    Michael Treder (M.T.):
    Die Gitarre ist ein Instrument, das in unser beider Jahrgängen in Kindheit und Jugend sehr populär gewesen ist, weniger die klassische Gitarre als vielmehr die Gitarre als Begleitinstrument.

    Michael Freimuth (M.F.):
    In den 70er Jahren war die Gitarre sehr präsent und stand fast an jeder Ecke herum. So hatten auch wir zu Hause ein Instrument von meinem Großvater zu stehen und, weil es eben ein allgemeines  Gitarren-Feeling gab, hatte auch ich Interesse, dieses Instrument  spielen zu können. Ich hatte im Alter von 10 Jahren das große Glück einen Lehrer zu haben, der eigentlich Pianist war, aber Gitarre auch als vollwertiges Instrument (nach Noten und eben nicht nur Akkorde) gespielt hat. Dort habe ich die ersten Jahre dann auch klassische Gitarre nach Noten gelernt und mir die Akkorde selber angeeignet, um etwa im Kindergottesdienst die Lieder begleiten zu können. Das richtig intensive Üben auf der Gitarre fand dann im Alter von 14, 15 und 16 statt. Da hatte ich dann musikalisch "Blut geleckt", nachdem ich bei einem Hochschullehrer (Prof. Hans Gräf) Unterricht hatte. Hier lag dann auch die Laute in der Luft: es wurden sehr viele Transkriptionen gespielt: Dowland, S. L. Weiß; was es eben seinerzeit so an  Karl-Scheit-Ausgaben auf dem Markt gab. Da lag es nahe, irgendwann einmal nach dem Instrument zu schauen, für das die Musik eigentlich geschrieben war. Karl Scheit hat mit seinem Vorwort zu einer Übertragung von Bach-Stücken seinen Teil Verantwortung dafür. Im Vorwort zu dieser Ausgabe steht sinngemäß: "Ursprünglich für doppelchörige Laute, die heute nicht jedem zur Verfügung steht". Das hat mich stutzen lassen! Was, bitte, ist das für ein Instrument? Warum steht es eigentlich nicht zur Verfügung? In Essen, meiner Heimatstadt, stand im Schaukasten des Geigenbauers bei dem wir alle unsere Gitarren kauften, ein solches doppelchöriges Instrument. Hier verband sich dann der optische Eindruck eines Instrumentes mit einer  ihm zuzuordnenden Musik ... jetzt einmal abgesehen davon, dass dies gewiss keine Barocklaute war, die dort im Schaukasten stand. Einen wichtigen Impuls hin zur Beschäftigung mit der Laute gab auch die Pionierarbeit des Westdeutschen Rundfunks für die Alte Musik, allen voran durch den Redakteur Klaus L. Neumann. Er holte Ensembles aus England und veranstaltete wunderbare Konzerte, die dann vom WDR übertragen wurden. Ich erinnere mich besonders, es war 1976 oder 1977, an eine „Nachtmusik im WDR mit Emma Kirkby. Was ich da hörte, wollte ich selber so spielen können. Unbedingt erwähnen muss ich auch die Tage der Alten Musik in Herne! Dort habe ich zum ersten Mal Konrad Ragossnig gehört, Sigiswald Kuijken, Reinhard Goebel,  also viele Musikerinnen und Musiker, mit denen ich dann später - oder auch sehr bald - in Ausbildung und Beruf zu tun hatte.

    M.T.:
    Ein Zwischenruf: Reinhard Goebel hat für seine Interview-Äußerung über das "Lautengeklimper und -gebimmel" nicht gerade großen Zuspruch bekommen ...

    M.F.:
    Ein Exkurs: Gemeint war von Reinhard Goebel für mich eindeutig die Laute im Continuo. Und da muss ich ihm beipflichten in seiner Kritik! Wenn eine Arie durch den letzten Ton der Sängerin oder des Sängers verklingt und in der Partitur nichts anderes vorgesehen ist, dann hat nicht vorwitzig ein Instrument aus dem Orchestergraben die Chance zu ergreifen mit dem Signal: "Hallo, mich gibt es übrigens auch!" Ein Continuo-Instrument sollte durchgängig nicht auffällig sein, sondern sich einordnen. So versuche ich mich auch in den Gesamtklang des Orchesters einzubringen. Man muß die musikalischen Impulse mitempfinden und entsprechend verstärken. Alles, was über das Handwerk hinausgeht, muß einfach geschmackvoll sein. Zurück. Meine erste Laute habe ich dann so um den 18ten Geburtstag herum in England gekauft, weil ich hier in Deutschland keine Lautenbauer kannte. In London habe ich alle Läden durchstreift auf der Suche nach einem geeigneten Instrument, wobei die Eignung auch etwas  mit dem Geldbeutel zu tun hatte. Schließlich gefunden habe ich dann ein Instrument, das Raymond Passauro gebaut hat in den 60er Jahren. Die Tür war offen mit meiner ersten Laute in Renaissancestimmung! Zum 18ten Geburtstag bekam ich eine Gesamtausgabe von Dowland geschenkt. Das war´s, nun konnte es losgehen! Studiert habe ich dann allerdings zuerst Gitarre in Essen und später in Wien bei Karl Scheit und seinem Nachfolger Konrad Ragossnig. Die Genauigkeit von Konrad Ragossnig kommt mir übrigens heute noch sehr zu Gute. Für ihn war es überhaupt nicht selbstverständlich, alle Schüler von Karl Scheit zu übernehmen: wir mussten alle noch einmal brav vorspielen! Die Laute lief während des Gitarrenstudiums immer nebenher. Ich hatte schon Auftritte mit diesem Instrument, Weihnachtshistorien, Passionen und ähnliches. Da habe ich natürlich mit Nagel gespielt, weil die Gitarre Vorrang hatte. Ein kleine Episode: ich war nach meinem Gitarrenstudium in Essen bei einem Kurs von Konrad Ruhland, einem Pionier, der in den 60er Jahren zusammen mit Nikolaus Harnoncourt die Alte Musik dargeboten, recherchiert und gefördert hat. Er war Lehrer in Niederalteich und hat dort Kurse angeboten. Er hörte mich Laute spielen und gab mir die Empfehlung: "Sie spielen Laute, Sie spielen nach Tabulatur. Gehen Sie nach Basel zur Lauten-Ausbildung!" Ich aber wollte den Weg mit der Gitarre weitergehen. Der Weg über Basel und die Laute wäre ein anderer gewesen. Der gewählte Weg mit der Gitarre tut mir aber insofern nicht leid, weil ich heute auch sehr viel auf der Biedermeier-Gitarre machen kann. Und das geht eben nur, wenn man das Instrument von Grund auf beherrscht. Das komplette Lautenstudium (mit Konzertexamen) bei Konrad Junghänel in Köln schloss sich dann nach abgeschlossener Ausbildung als Gitarrist an.

    M.T.:
    Also ein breit angelegter Zupfinstrumentalist?

    M.F.:
    Ich habe mir von Anfang an Mühe gegeben, vielseitig zu bleiben und jede Anfrage, so weit irgend möglich, wahrgenommen. Meine Orchestererfahrungen habe ich mit 19, also noch während des Studiums, in Essen begonnen. Es wurden Studenten für das Orchester in der Oper gesucht ... günstige Kräfte. "Elegie für junge Liebende" von Hans-Werner Henze war mein Einstieg. Wer diese Oper, Partien oder auch nur ein Stück daraus kennt, weiß, dass diese Musik in der Umsetzung nicht ganz einfach ist. Wer so etwas einmal gemacht hat, und zwar schon zu Beginn der Entwicklung, ist für den weiteren Weg ganz  gut gewappnet. Diese Erfahrungen haben mir auch im Barockbereich geholfen. Es schrickt Dich ein Oratorium nach einer Henze-Oper einfach nicht mehr! Mit der Gitarre habe ich noch andere interessante Erfahrungen sammeln können. Bei der deutschen Erstaufführung von Michael Tippetts "Irrgarten" in Gelsenkirchen spielte ich E-Gitarre, auch beim "Schaum der Tage" von Edison Denissow nach Boris Vian. Selbst in diesem Jahr habe ich Magdalena Kozená mit der modernen Gitarre zu Liedern von Petr Eben begleitet; gespielt mit den Fingerkuppen. Im letzten Jahr war es mit der Biedermeier-Gitarre die Beleitung der "Schönen Müllerin" – Gesang Hans Jörg Mammel bzw. Henning Kaiser; komplett, ohne Kapodaster und ohne Transposition, alles geradeaus, wie es da steht. Die Gitarre  ist also sehr präsent bei mir. Zu spielen ist alles schön. Beruflich gesehen steht das Continuo-Spiel allerdings an erster Stelle, weil man damit am meisten zu tun hat. Soloauftritte sind leider viel zu selten. Musikalisch gesehen ist es für mich allerdings am schönsten, wenn ich eine Sängerin oder einen Sänger begleiten kann! Erlebnisse der besonderen Art sind dann die Zusammenarbeit mit etwa so souveränen Sängerinnen wie Emma Kirkby, Nele Gramß, Magdalena Kozená. Nun muss ich aber einfach einmal rhetorisch zurückfragen, wo Du denn Präferenzen hättest, wenn Du über eine Barocklaute aus dem Jahre 1740 verfügen könntest. Auch Du würdest wahrscheinlich mit Leidenschaft Sololiteratur mit Deinem Instrument spielen, wahrscheinlich auch mit Vorliebe in ganz kleinem Kreise, um die Intimität des Klanges mit auskosten zu können, oder nur für Dich in Deiner Kammer. Aber auch Kammermusik mit Laute ist ein tolles Erlebnis wie z. B. gerade vor ein paar Tagen bei einem Konzert im Rahmen des Fränkischen Sommers. Ich habe das Kleinknecht- und ein Hagen-Konzert gespielt. Hinzu kamen zwei Duette mit Violine, eines von Hagen, eines von Siegmund von Seckendorff. Ein wunderbares Musizieren, wenn Streicher mitspielen und Du eine obligate Stimme hast!

    M.T.:
    Beim Internationalen Festival der Laute in Kassel hattest Du ja schon ein paar kurze Hinweise zu Deinem Instrument gegeben. 

    M.F.:
    Das ist auch eine längere Geschichte; lang auch insofern, als es eine ganze Weile gedauert hat, bis ich endlich auf dem Instrument spielen konnte. Das Instrument ist mir Ende der 90er Jahre in Wien angeboten worden. Als ich es zum ersten Mal in der Hand hatte, gleich mit einem sehr guten Gefühl, konnte ich auf dem Instrumentenzettel entziffern: "Anthony Posch. Kaiserlicher Hoflautenmacher in Wien - 1740". Posch, so dachte ich in dem Moment, ist bei den Geigenbauern zwar nicht einer der allerersten Namen, aber immerhin ein Mann mit einem guten Ruf. Das Instrument hatte viele Risse, vor allem an der Decke, und war vor allem nicht im Zustand einer 13-chörigen Barocklaute. Es hatte einen originalen, wenn auch verkürzten Hals, gut erkennbar auch an der leicht gekippten Achse. Statt eines Wirbelkastens war ein Wirbelbrett angesetzt für 13 Steckwirbel (von hinten). In den Hals waren massive Messingbünde geschlagen, die Spuren der Bundsetzung mit Darm aber noch erkennbar. Auf jeden Fall ein interessantes Instrument! Für mich zu dem Zeitpunkt aber nicht erschwinglich und damit, so bitter es war, abgehakt. Abgehakt ist leicht gesagt. So ein Instrument bekommt man vielleicht einmal im Leben angeboten, wenn es hoch kommt. Nach drei Jahren habe ich noch einmal vorsichtig nachgefragt. Das Instrument war noch verfügbar! Mit dem Verkäufer ließ sich dann eine Verabredung hinsichtlich des Preises treffen, mit der wir dann beide zufrieden sein konnten. Decke, Muschel und Bebalkung waren im Originalzustand. Abgesehen von dem Eingriff am Hals war das Instrument wahrscheinlich nur einmal unten an der Kappe repariert worden. Der Hals war verkürzt um zwei Bünde. Insgesamt lag die Mensur im Original wohl bei 71,5 cm bzw. 29 Wiener Zoll, also einer für die 13-chörige Barocklaute durchaus gängigen Mensur. Durch verschiedene Empfehlungen habe ich das Instrument dann zu Steffen Milbradt zur Restaurierung gegeben, der mir auch eine sehr schöne Renaissancelaute gebaut hatte. Bei den näheren Untersuchungen des Instruments stellte sich heraus, dass die Decke, ein sehr schönes feinjähriges, dichtes Holz, wohl aus dem Jahr 1714/1716 stammt, also demnach (Eintrag Zettel: 1740) gut abgelagert war. Es hat dann eine Weile gedauert, bis Steffen mit dem Instrument fertig war. Bei der Vorbereitung der Rekonstruktion ging es sehr intensiv auch um die Frage: 1740 - Schwanenhals oder abgeknickter Wirbelkasten mit Bassreiter? Da ich einerseits mit Schwanenhalslauten wegen der lang nachklingenden Basssaiten nicht so gute Erfahrungen gemacht hatte, andererseits bei einigen Stücken von Weiss bis zum 11ten Chor hin abgegriffen wird (bei Werken von Bach, je nachdem, wie man sie intabuliert, muss man auch die Basssaiten abgreifen), war dann relativ schnell für mich klar, dass das Instrument einen abgeknickten Wirbelkasten mit Bassreiter für den 12ten und 13ten Chor haben sollte. Im Übrigen ist in dieser Zeit ein abgeknickter Wirbelkasten nichts außergewöhnliches, siehe die Mandoren der Zeit. Eine Mandora von Posch befindet sich im Landesmuseum Graz. Deren Wirbelkasten war das Vorbild für die Rekonstruktion an meinem Instrument. Ab Oberklotz ist die Laute also neu, der vorgefundene Hals aber verfügbar und steht für wissenschaftliche Auswertungen natürlich zur Verfügung. Gut Ding will Weile haben! Und es hat sich gelohnt. Das Instrument hat eine klangliche Qualität gegenüber modernen Instrumenten, die man gar nicht richtig in Worte fassen kann. Ohne Frage spielt hier die subjektive Wahrnehmung eine große Rolle, aber es lassen sich auch Merkmale wie die Flexibilität im Tongeben, die Ansprache und die klangliche Ausgewogenheit intersubjektiv nachvollziehen. Was mich besonders bei dieser Laute fasziniert ist, dass die Basssaiten nicht stören. Bei modernen Instrumenten muss häufig der Bass, natürlich auch in Abhängigkeit vom Saitenmaterial, weil zu mächtig nachschwingend, abgedämpft werden oder das Instrument ist insgesamt zu basslastig. Das ist bei der Posch-Laute beides nicht der Fall.

    M.T.:
    In Deinem Konzertkalender steht in diesem Jahr (Termin: 23.11.2007, Oberaßbach) auch ein Auftritt mit Nele Gramß an. Nun liegen zwischen Elsa/Bad Rodach und Warnau bei Kiel ein paar mehr Kilometer als ich sie habe zu Dir von Hamburg aus überwinden müssen. Wie seid ihr zueinander gekommen, wie läuft es da mit den Proben?

    M.F.:
    Räumliche Distanz muss nicht ein unüberwindbares Hindernis sein. Lautenisten spielen, da rar gesät, in fast jeder Gegend. Nele und ich kennen uns schon seit geraumer Zeit aus sehr unterschiedlichen Projekten. Und endlich klappt es nun einmal mit einem gemeinsamen Programm! Es war Neles Idee, einmal Lieder mit Bezug zum Thema „Nacht" zusammenzustellen und zu präsentieren. Eine reizvolle Themenstellung. Die Möglichkeiten zur gemeinsamen Probe sind natürlich wirklich sehr eingeschränkt. Im Profi-Lager ist es unerlässlich, sich auch binnen kürzester Zeit miteinander auf ein gemeinsames Verständnis der zu präsentierenden Stücke zu verständigen. Für eine Probe im klassischen Sinne bleibt da vielfach gar keine Zeit. Nele und ich haben aber eine gute Vorlaufspanne, um das Programm zu entwickeln. Und es gibt ja auch Kommunikationsmittel, die die Zusammenarbeit über die Distanz hinweg erleichtern. Auf Thurn und Taxis sind wir ja nun schon seit einiger Zeit nicht mehr angewiesen! Ebenso wie auf das Konzert mit Nele freue ich mich auf den gemeinsamen Auftritt mit Fred Jacobs und Axel Wolf. Axel hatte die Idee zu diesem gemeinsamen Konzert, da wir uns sonst nur im Graben der Bayerischen Staatsoper sähen. Geplant sind Duette von Castaldi und Weiss, sowie zwei Sätze zu dritt aus einer Bachschen Triosonate. Gewiss ist, dass Axel Stücke aus seiner aktuellen Hasse-Einspielung, Fred aus seiner Visée-CD... und ich aus meiner demnächst erscheinenden CD mit Stücken aus dem Harracher Manuskript spielen werde. Termin: 28.10.2007, Loisachtal.

    M.T.:
    Wo siehst Du in naher Zukunft noch besondere Herausforderungen für die Alte Musik?

    M.F.:
    Aus eigener jüngster Erfahrung: auf meinem diesjährigen Kurs in Österreich war eine Lautenistin aus Minsk; und aus den Berichten von Kolleginnen und Kollegen, die sich in der Vermittlung von Kenntnissen und allgemein oder zu einem bestimmten Fähigkeiten im Bereich der Alten Musik Instrument engagieren, habe ich den Eindruck, dass dem Interesse, das es auch und gerade bei jungen Menschen in den osteuropäischen Staaten an einer qualifizierten musikalischen Ausbildung und an professionellen Instrumenten der Alten Musik gibt, noch lange nicht ein entsprechendes Angebot vor Ort gegenüber steht. Es wäre sehr schön, wenn es hier zu dauerhaften konzertierten Aktionen kommen könnte, bei denen etwa auch die Instrumentenbauer mitziehen: eine Tabulatur lässt sich durchs Internet schicken. Du kannst auch eine Videokonferenz oder eine Videounterrichtsstunde organisieren. Ein Instrument bekommst Du aber nicht durch die Leitung gequetscht ... wohl aber einen Bauplan. Eine finanzielle Unterstützung durch Sponsoren oder staatlichen Stellen wird dabei wohl unerlässlich sein: jeder Schritt, den Du vor die Tür machst, kostet einfach Geld. Von richtigen Gagen braucht man in diesem Zusammenhang gar nicht zu sprechen. Es wäre schön, wenn sich so einer Aufgabe jemand initiativ annehmen würde, die/der in seinem Zeitbudget noch Platz hat, einen soliden organisatorischen Rahmen zu entwickeln, etwa über einen gemeinnützigen Verein.

    M.T.:
    Eine Homepage ist immer auch direkte oder indirekte Selbstdarstellung. Auf Deiner Homepage (www.michael-freimuth.de) hast Du mir mit den unkommentierten Bildern in der "Galerie" einige Rätsel aufgeben: einmal ziert Dich ein Eselskopf (Ein Sommernachtstraum?), auf einem anderen Bild bist Du in einem Rokkokokostüm zu sehen, auf anderen sieht man Dich mit mehr oder minder bekannten Personen ...

    M.F.:
    Es sind insgesamt Bilder aus meinem Werdegang. Sehr freue ich mich nach wie vor, dass jemand zum richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser gedrückt hat, als ein älterer Herr mir Gitarrenunterricht gibt: das ist Karl Scheit bei einem Kurs in Bad Hersfeld. Der Eselskopf: Die Aufnahme entstand bei einer Kostümprobe für die Aufführung "La festa theatrale" - italienische Karnevalsmusiken (dazu gibt es übrigens auch eine CD) - mit Thomas Hengelbrock. Die Inszenierung war so angelegt, dass der Chor verschiedene festliche venezianische Karnevalskostüme trug. Die Musikerinnen und Musiker waren als Clowns und Harlekine eingekleidet, die Continuogruppe als "Die vier Bremer Stadtmusikanten". Und das waren: Hille Perl (Katze), Lee Santana (Hund), Michael Behringer (Hahn) und ich, der Esel. Und die barocke oder rokokomäßige Einkleidung war gefordert bei einem Auftritt zu einem opulenten Buffet anlässlich der ANUGA, der weltgrößten Genußmittelmesse. Wir wurden dazu professionell eingekleidet und geschminkt. Ich bin sehr froh, dass wir als Musiker im Gegensatz zu den Sängerinnen und Sängern - etwa auf der Opernbühne - nicht immer kostümiert und geschminkt auftreten müssen. Es ist gut schwitzen in einem Kostüm und unter der Perücke, ganz abgesehen davon, dass Kostümierung auch nicht gerade die Bewegungsfreiheit fördert.

    M.T.:
    Du besitzt nicht nur eine Originallaute (siehe oben), sondern hast auch das große Glück, an der Erschließung wiederentdeckter Lautenmanuskripte mitwirken zu können, den Harracher Manuskripten, die auch eine ganze Reihe von Silvius Leopold Weiß zugeschriebenen Stücken ohne Konkordanzen enthalten.

    M.F.:
    Es war schon sehr aufregend, als mir Paul und Christoph Angerer, "Consilium Musicum Wien", mit denen ich mich seit Jahren verbunden fühle, das Material zeigten. Es stellte sich ganz schnell heraus: 200 Seiten, zwei Manuskripte á jeweils etwa 100 Seiten, Barocklautentabulaturen, fein säuberlich geschrieben. Das eine Manuskript ist übertitelt, allerdings in einer neueren Schrift (19. oder 20. Jahrhundert) mit: "Weiss Sylvio - Lautenmusik", das andere mit "Lauten Musik von unbekannten Componisten". Schon beim ersten Durchblättern war klar, dass hier sehr viel interessantes Material vorliegt und auch im zweiten Manuskript Konkordanzen zu Stücken von Weiß bestehen. Beim Anspielen dann offenbarte sich, dass die Manuskripte auch bislang unbekannte Stücke von Weiß enthalten; und zwar überraschend viele!

    M.T.:
    Einen halben Schritt zurück bitte! Woran hast Du denn die Autorenschaft von S.L. Weiss festmachen können?

    M.F.:
    Über einigen Stücken steht der klare Hinweis auf den Komponisten, folgende Stücke weisen dann einen Titel wie "Courante du méme" auf, haben also den Rückbezug auf den zuvor angebenen Komponisten.

    M.T.:
    Auch das muss noch kein eindeutiger Beleg sein. Bei der Bekanntheit von S.L. Weiß und der Wertschätzung seiner Kompositionen (wobei ich die anderen lautespielenden Mitglieder der Familie Weiß einbeziehe) ist duchaus nicht auszuschließen, dass Stücke eines oder anderer Komponisten durch das Prädikat der Zuweisung zu S.L. Weiß "geadelt" wurden. Auch die Lautenistenwelt hat ja im Übrigen durchaus Erfahrungen mit musikalischen, fantasiebegabten Gegenwartskünstlern mit einem interessanten Oeuvre ...

    M.F.:
    Es gibt in der Musikwelt einschlägige Erfahrungen mit Täuschungen oder "fakes". Hier aber liegen eindeutig und unzweifelhaft Originalmanuskripte vom Anfang des 18. Jahrhunderts vor. Dann enthalten die beiden Manuskripte Stücke, die u.a. bekannt sind aus autografen Manuskripten von S.L. Weiß. Das verdichtet nun die Annahme, dass in einem der Harrachschen Manuskript vor oder nach einem konkordanten Stück stehendes und mit dem Hinweis auf den Komponisten Weiß versehenes tatsächlich auch ihm zuzuordnen ist.

    M.T.:
    Und nun die Stücke, die keine Komponistenangabe haben?

    M.F.:
    Solche Stücke gibt es ebenfalls in den Harracher Manuskripten. Die fehlende Komponistenangaben ist (leider) sehr häufig bei den Tabulaturen. Bei diesen Stücken oder Suiten ist auf jeden Fall eindeutig, dass sie im Stil der Lautenmusik von etwa, ich greife jetzt eine Jahreszahl, 1720 komponiert sind; zu erkennen an bestimmten Wendungen und Verzierungen. Eine Gruppe lasst sich aufgrund der Konkordanzen zu den großen Weiß-Quellen in London und Dresden eindeutig Weiß zuordnen. Kommen jetzt Charakteristika der Kompositionen von S.L. Weiß in der Harmoniewahl und -folge sowie Stilistik hinzu, wie etwa bei der d-moll-Suite, die ich jetzt eingespielt habe, dann bin ich mir sicher: das ist von Weiß. Wäre jemand in der Lage gewesen, so etwas eigenständig oder imitierend zu komponieren, wäre er oder sie doch selbst bekannt gewesen und hätte ein Verwertungsinteresse gehabt. Es gibt da das Duett, bei dem als Komponistenangabe nur "Weiß" steht, kein Vorname wie bei anderen Stücken in den beiden Manuskripten. Das Duett unterscheidet sich im Stil etwas von den anderen S.L.Weiß-Kompositionen, hat eher spielerischen Charakter, etwa im Vergleich zu seinen späten Suiten. Vielleicht stammt dieses Duett von einem anderen Mitglied der Lautenistenfamilie Weiß ... wer weiß?

    M.T.:
    Du hast Dich sehr intensiv mit den Harracher Manuskripten auseinander gesetzt, was an dieser Stelle nicht alles dargelegt werden kann und auch nicht sollte, denn irgendwann in hoffentlich absehbarer Zeit erscheint ja wohl die Faksimile-Ausgabe mit einem auch Dein Wissen um das Manuskript wiedergebenden Vorwort.

    M.F.:
    Ich bin da guter Dinge! Die Deutsche Lautengesellschaft hat ja auch das Angebot gemacht, die Faksimile-Ausgabe über sie herauszugeben. Ich bin ebenfalls guter Dinge, dass meine Einspielung mit den Solostücken aus den beiden Harracher Manuskripten als Ergänzung zur bereits vorliegenden Einspielung von Kammermusik aus den Harracher Beständen demnächst verfügbar sein wird.

    M.T.:
    Lieber Michael, herzlichen Dank für das Interview und für die köstlichen aus Eurem Garten stammenden Pflaumen, die wir während des Gespräches - bereits mundgerecht aufbereitet - vertilgen konnten
    !

     

      (Das Interview erschien im Lauten-Info 4/2007 der Deutschen Lautengesellschaft e.V., hrsg. von Joachim Luedtke)

 

 

 

      Michael Freimuth gehört zu den gefragten Solisten und Continuospielern auf der Laute, Theorbe und Gitarre. Sein Repertoire reicht dabei von der frühen Renaissance bis zum romantischen Lied. Zu seinen Lehrern gehörten Karl Scheit, Konrad Ragossnig und Konrad Junghänel. Seine Konzerttätigkeit führte ihn zur Zusammenarbeit mit namhaften Interpreten wie C. Abbado, P. Angerer, F. Bernius, I. Bolton, R. Jacobs, E. Kirkby, H. Max, M. Schneider, dem Freiburger Barockorchester, O. di Lasso Ensemble, La Petite Bande, Concerto Köln, Bell’Arte Salzburg u.a. Neben regelmäßigen Auftritten mit dem Balthasar-Neumann-Chor unter Th. Hengelbrock ist Michael Freimuth der Lautenist des Vokalensembles „Himlische Cantorey“ Hamburg. Im vergangenen Jahr nahm er als erster die auf Schloss Rohrau in Niederösterreich wieder entdeckten Werke von Silvius Leopold Weiss auf.

      Michael Freimuth spielt auf verschiedenen originalen Instrumenten, so einer Wiener Laute des 18. Jahrhunderts. Nach einer erfolgreichen Restaurierung ist die Laute nun wieder in ihrer ursprünglich 13-chörigen Besaitung spielbar. Dieses Instrument ist auf einer Einspielung der zuletzt wieder entdeckten Werke von Silvius Leopold Weiss aus dem Nachlass der Familie Harrach in Rohrau zu hören, an dessen Sichtung Michael Freimuth beteiligt war. Neben der vielfältigen Konzerttätigkeit unterrichtet Michael Freimuth seit 2008 am Hamburger Konservatorium.

       

      Homepage: www.michael-freimuth.de
      Kontakt: kontakt@michael-freimuth.de

 

 

 

    Discography (Auswahl):

Klingende Schätze aus Schloss Rohrau — Lautenmusik von Silvius Leopold Weiss
aus der Graf Harrach’schen Familiensammlung.  Ersteinspielung
Klingende Schätze aus Schloss Rohrau — Musikalien aus der Graf Harrach’schen Familiensammlung. Concilium musicum WienCavalli Records, Bamberg
Bilder hörenensemble tom ring
Songs My Mother Taught MeMagdalena KoženáDeutsche Grammophon
Alessandro Melani, L’ Europe · Sacred WorksHerrmann Max, Das Kleine KonzertCPO
Viola d’ amoreMarianne Rônez, Affetti musicali
H.I.F. Biber, MysteriensonatenMarianne Rônez, Affetti musicali
Goldberg-Variations. Uri-Caine-EnsembleWinter & Winter, München
Clear or cloudy. Himlische CantoreyAmbitus, Hamburg
Matthias Weckmann, Sacred Works. Himlische Cantorey.CPO
Music of the Reformation. Himlische CantoreyCPO
Why not here–Music for severall friends. H. Perl, Fri. Heumann, L. Santana.  ACCENT
J. F. Reichardt – Lieder der Liebe und Einsamkeit Hans Jörg Mammel, TenorArs musici
Antonio Caldara, CantateLa Gioia ArmonicaRamée
IN NATIVITATE DOMINI - Festliche WeihnachtsmusikBell’Arte SalzburgBerlin Classics, Edel Hamburg
Music for a while. Lautenlieder mit Christoph Genz, TenorBerlin Classics. Edel Hamburg

 

 

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