Michael
Treder (M.T.):
Die Gitarre
ist
ein Instrument, das in unser beider Jahrgängen in Kindheit und Jugend
sehr populär gewesen ist, weniger die klassische Gitarre als vielmehr
die Gitarre als Begleitinstrument.
Michael Freimuth
(M.F.):
In den 70er Jahren
war die Gitarre sehr präsent und stand fast an jeder Ecke herum. So
hatten auch wir zu Hause ein Instrument von meinem Großvater zu stehen
und, weil es eben ein allgemeines Gitarren-Feeling gab, hatte
auch ich Interesse, dieses Instrument spielen zu können. Ich
hatte im Alter von 10 Jahren das große Glück einen Lehrer zu haben, der
eigentlich Pianist war, aber Gitarre auch als vollwertiges Instrument
(nach Noten und eben nicht nur Akkorde) gespielt hat. Dort habe ich die
ersten Jahre dann auch klassische Gitarre nach Noten gelernt und mir
die Akkorde selber angeeignet, um etwa im Kindergottesdienst die Lieder
begleiten zu können. Das richtig intensive Üben auf der Gitarre fand
dann im Alter von 14, 15 und 16 statt. Da hatte ich dann musikalisch
"Blut geleckt", nachdem ich bei einem Hochschullehrer (Prof. Hans Gräf)
Unterricht hatte. Hier lag dann auch die Laute in der Luft: es wurden
sehr viele Transkriptionen gespielt: Dowland, S. L. Weiß; was es eben
seinerzeit so an Karl-Scheit-Ausgaben auf dem Markt gab. Da
lag es nahe, irgendwann einmal nach dem Instrument zu schauen, für das
die Musik eigentlich geschrieben war. Karl Scheit hat mit seinem
Vorwort zu einer Übertragung von Bach-Stücken seinen Teil Verantwortung
dafür. Im Vorwort zu dieser Ausgabe steht sinngemäß: "Ursprünglich für
doppelchörige Laute, die heute nicht jedem zur Verfügung steht". Das
hat mich stutzen lassen! Was, bitte, ist das für ein Instrument? Warum
steht es eigentlich nicht zur Verfügung? In Essen, meiner Heimatstadt,
stand im Schaukasten des Geigenbauers bei dem wir alle unsere Gitarren
kauften, ein solches doppelchöriges Instrument. Hier verband sich dann
der optische Eindruck eines Instrumentes mit einer ihm
zuzuordnenden Musik ... jetzt einmal abgesehen davon, dass dies gewiss
keine Barocklaute war, die dort im Schaukasten stand. Einen wichtigen
Impuls hin zur Beschäftigung mit der Laute gab auch die Pionierarbeit
des Westdeutschen Rundfunks für die Alte Musik, allen voran durch den
Redakteur Klaus L. Neumann. Er holte Ensembles aus England und
veranstaltete wunderbare Konzerte, die dann vom WDR übertragen wurden.
Ich erinnere mich besonders, es war 1976 oder 1977, an eine „Nachtmusik
im WDR mit Emma Kirkby. Was ich da hörte, wollte ich selber so spielen
können. Unbedingt erwähnen muss ich auch die Tage der Alten Musik in
Herne! Dort habe ich zum ersten Mal Konrad Ragossnig gehört, Sigiswald
Kuijken, Reinhard Goebel, also viele Musikerinnen und
Musiker, mit denen ich dann später - oder auch sehr bald - in
Ausbildung und Beruf zu tun hatte.
M.T.:
Ein Zwischenruf:
Reinhard Goebel hat für seine Interview-Äußerung über das
"Lautengeklimper und -gebimmel" nicht gerade großen Zuspruch bekommen
...
M.F.:
Ein Exkurs:
Gemeint war von Reinhard Goebel für mich eindeutig die Laute im
Continuo. Und da muss ich ihm beipflichten in seiner Kritik! Wenn eine
Arie durch den letzten Ton der Sängerin oder des Sängers verklingt und
in der Partitur nichts anderes vorgesehen ist, dann hat nicht vorwitzig
ein Instrument aus dem Orchestergraben die Chance zu ergreifen mit dem
Signal: "Hallo, mich gibt es übrigens auch!" Ein Continuo-Instrument
sollte durchgängig nicht auffällig sein, sondern sich einordnen. So
versuche ich mich auch in den Gesamtklang des Orchesters einzubringen.
Man muß die musikalischen Impulse mitempfinden und entsprechend
verstärken. Alles, was über das Handwerk
hinausgeht, muß einfach geschmackvoll sein. Zurück. Meine erste Laute
habe ich dann so um den 18ten Geburtstag herum in England gekauft, weil
ich hier in Deutschland keine Lautenbauer kannte. In London habe ich
alle Läden durchstreift auf der Suche nach einem geeigneten Instrument,
wobei die Eignung auch etwas mit dem Geldbeutel zu tun hatte.
Schließlich gefunden habe ich dann ein Instrument, das Raymond Passauro
gebaut hat in den 60er Jahren. Die Tür war offen mit meiner ersten
Laute in Renaissancestimmung! Zum 18ten Geburtstag bekam ich eine
Gesamtausgabe von Dowland geschenkt. Das war´s, nun konnte es losgehen!
Studiert habe ich dann allerdings zuerst Gitarre in Essen und später in
Wien bei Karl Scheit und seinem Nachfolger Konrad Ragossnig. Die
Genauigkeit von Konrad Ragossnig kommt mir übrigens heute noch sehr zu
Gute. Für ihn war es überhaupt nicht selbstverständlich, alle Schüler
von Karl Scheit zu übernehmen: wir mussten alle noch einmal brav
vorspielen! Die Laute lief während des Gitarrenstudiums immer nebenher.
Ich hatte schon Auftritte mit diesem Instrument, Weihnachtshistorien,
Passionen und ähnliches. Da habe ich natürlich mit Nagel gespielt, weil
die Gitarre Vorrang hatte. Ein kleine Episode: ich war nach meinem
Gitarrenstudium in Essen bei einem Kurs von Konrad Ruhland, einem
Pionier, der in den 60er Jahren zusammen mit Nikolaus Harnoncourt die
Alte Musik dargeboten, recherchiert und gefördert hat. Er war Lehrer in
Niederalteich und hat dort Kurse angeboten. Er hörte mich Laute spielen
und gab mir die Empfehlung: "Sie spielen Laute, Sie spielen nach
Tabulatur. Gehen Sie nach Basel zur Lauten-Ausbildung!" Ich aber wollte
den Weg mit der Gitarre weitergehen. Der Weg über Basel und die Laute
wäre ein anderer gewesen. Der gewählte Weg mit der Gitarre tut mir aber
insofern nicht leid, weil ich heute auch sehr viel auf der
Biedermeier-Gitarre machen kann. Und das geht eben nur, wenn man das
Instrument von Grund auf beherrscht. Das komplette Lautenstudium (mit
Konzertexamen) bei Konrad Junghänel in Köln schloss sich dann nach
abgeschlossener Ausbildung als Gitarrist an.
M.T.:
Also ein breit
angelegter Zupfinstrumentalist?
M.F.:
Ich habe mir von
Anfang an Mühe gegeben, vielseitig zu bleiben und jede Anfrage, so weit
irgend möglich, wahrgenommen. Meine Orchestererfahrungen habe ich mit
19, also noch während des Studiums, in Essen begonnen. Es wurden
Studenten für das Orchester in der Oper gesucht ... günstige Kräfte.
"Elegie für junge Liebende" von Hans-Werner Henze war mein Einstieg.
Wer diese Oper, Partien oder auch nur ein Stück daraus kennt, weiß,
dass diese Musik in der Umsetzung nicht ganz einfach ist. Wer so etwas
einmal gemacht hat, und zwar schon zu Beginn der Entwicklung, ist für
den weiteren Weg ganz gut gewappnet. Diese Erfahrungen haben
mir auch im Barockbereich geholfen. Es schrickt Dich ein Oratorium nach
einer Henze-Oper einfach nicht mehr! Mit der Gitarre habe ich noch
andere interessante Erfahrungen sammeln können. Bei der deutschen
Erstaufführung von Michael Tippetts "Irrgarten" in Gelsenkirchen
spielte ich E-Gitarre, auch beim "Schaum der Tage" von Edison Denissow
nach Boris Vian. Selbst in diesem Jahr habe ich Magdalena Kozená mit
der modernen Gitarre zu Liedern von Petr Eben begleitet; gespielt mit
den Fingerkuppen. Im letzten Jahr war es mit der Biedermeier-Gitarre
die Beleitung der "Schönen Müllerin" – Gesang Hans Jörg Mammel bzw.
Henning Kaiser; komplett, ohne Kapodaster und ohne Transposition, alles
geradeaus, wie es da steht. Die Gitarre ist also sehr präsent
bei mir. Zu spielen ist alles schön. Beruflich gesehen steht das
Continuo-Spiel allerdings an erster Stelle, weil man damit am meisten
zu tun hat. Soloauftritte sind leider viel zu selten. Musikalisch
gesehen ist es für mich allerdings am schönsten, wenn ich eine Sängerin
oder einen Sänger begleiten kann! Erlebnisse der besonderen Art sind
dann die Zusammenarbeit mit etwa so souveränen Sängerinnen wie Emma
Kirkby, Nele Gramß, Magdalena Kozená. Nun muss ich aber einfach einmal
rhetorisch zurückfragen, wo Du denn Präferenzen hättest, wenn Du über
eine Barocklaute aus dem Jahre 1740 verfügen könntest. Auch Du würdest
wahrscheinlich mit Leidenschaft Sololiteratur mit Deinem Instrument
spielen, wahrscheinlich auch mit Vorliebe in ganz kleinem Kreise, um
die Intimität des Klanges mit auskosten zu können, oder nur für Dich in
Deiner Kammer. Aber auch Kammermusik mit Laute ist ein tolles Erlebnis
wie z. B. gerade vor ein paar Tagen bei einem Konzert im Rahmen des
Fränkischen Sommers. Ich habe das Kleinknecht- und ein Hagen-Konzert
gespielt. Hinzu kamen zwei Duette mit Violine, eines von Hagen, eines
von Siegmund von Seckendorff. Ein wunderbares Musizieren, wenn
Streicher mitspielen und Du eine obligate Stimme hast!
M.T.:
Beim Internationalen Festival der Laute in Kassel
hattest Du ja schon ein paar kurze Hinweise zu Deinem Instrument
gegeben.
M.F.:
Das ist auch eine
längere Geschichte; lang auch insofern, als es eine ganze Weile
gedauert hat, bis ich endlich auf dem Instrument spielen konnte. Das
Instrument ist mir Ende der 90er Jahre in Wien angeboten worden. Als
ich es zum ersten Mal in der Hand hatte, gleich mit einem sehr guten
Gefühl, konnte ich auf dem Instrumentenzettel entziffern: "Anthony
Posch. Kaiserlicher Hoflautenmacher in Wien - 1740". Posch, so dachte
ich in dem Moment, ist bei den Geigenbauern zwar nicht einer der
allerersten Namen, aber immerhin ein Mann mit einem guten Ruf. Das
Instrument hatte viele Risse, vor allem an der Decke, und war vor allem
nicht im Zustand einer 13-chörigen Barocklaute. Es hatte einen
originalen, wenn auch verkürzten Hals, gut erkennbar auch an der leicht
gekippten Achse. Statt eines Wirbelkastens war ein Wirbelbrett
angesetzt für 13 Steckwirbel (von hinten). In den Hals waren massive
Messingbünde geschlagen, die Spuren der Bundsetzung mit Darm aber noch
erkennbar. Auf jeden Fall ein interessantes Instrument! Für mich zu dem
Zeitpunkt aber nicht erschwinglich und damit, so bitter es war,
abgehakt. Abgehakt ist leicht gesagt. So ein Instrument bekommt man
vielleicht einmal im Leben angeboten, wenn es hoch kommt. Nach drei
Jahren habe ich noch einmal vorsichtig nachgefragt. Das Instrument war
noch verfügbar! Mit dem Verkäufer ließ sich dann eine Verabredung
hinsichtlich des Preises treffen, mit der wir dann beide zufrieden sein
konnten. Decke, Muschel und Bebalkung waren im Originalzustand.
Abgesehen von dem Eingriff am Hals war das Instrument wahrscheinlich
nur einmal unten an der Kappe repariert worden. Der Hals war verkürzt
um zwei Bünde. Insgesamt lag die Mensur im Original wohl bei 71,5 cm
bzw. 29 Wiener Zoll, also einer für die 13-chörige Barocklaute durchaus
gängigen Mensur. Durch verschiedene Empfehlungen habe ich das
Instrument dann zu Steffen Milbradt zur Restaurierung gegeben, der mir
auch eine sehr schöne Renaissancelaute gebaut hatte. Bei den näheren
Untersuchungen des Instruments stellte sich heraus, dass die Decke, ein
sehr schönes feinjähriges, dichtes Holz, wohl aus dem Jahr 1714/1716
stammt, also demnach (Eintrag Zettel: 1740) gut abgelagert war. Es hat
dann eine Weile gedauert, bis Steffen mit dem Instrument fertig war.
Bei der Vorbereitung der Rekonstruktion ging es sehr intensiv auch um
die Frage: 1740 - Schwanenhals oder abgeknickter Wirbelkasten mit
Bassreiter? Da ich einerseits mit Schwanenhalslauten wegen der lang
nachklingenden Basssaiten nicht so gute Erfahrungen gemacht hatte,
andererseits bei einigen Stücken von Weiss bis zum 11ten Chor hin
abgegriffen wird (bei Werken von Bach, je nachdem, wie man sie
intabuliert, muss man auch die Basssaiten abgreifen), war dann relativ
schnell für mich klar, dass das Instrument einen abgeknickten
Wirbelkasten mit Bassreiter für den 12ten und 13ten Chor haben sollte.
Im Übrigen ist in dieser Zeit ein abgeknickter Wirbelkasten nichts
außergewöhnliches, siehe die Mandoren der Zeit. Eine Mandora von Posch
befindet sich im Landesmuseum Graz. Deren Wirbelkasten war das Vorbild
für die Rekonstruktion an meinem Instrument. Ab Oberklotz ist die Laute
also neu, der vorgefundene Hals aber verfügbar und steht für
wissenschaftliche Auswertungen natürlich zur Verfügung. Gut Ding will
Weile haben! Und es hat sich gelohnt. Das Instrument hat eine
klangliche Qualität gegenüber modernen Instrumenten, die man gar nicht
richtig in Worte fassen kann. Ohne Frage spielt hier die subjektive
Wahrnehmung eine große Rolle, aber es lassen sich auch Merkmale wie die
Flexibilität im Tongeben, die Ansprache und die klangliche
Ausgewogenheit intersubjektiv nachvollziehen. Was mich besonders bei
dieser Laute fasziniert ist, dass die Basssaiten nicht stören. Bei
modernen Instrumenten muss häufig der Bass, natürlich auch in
Abhängigkeit vom Saitenmaterial, weil zu mächtig nachschwingend,
abgedämpft werden oder das Instrument ist insgesamt zu basslastig. Das
ist bei der Posch-Laute beides nicht der Fall.
M.T.:
In Deinem
Konzertkalender steht in diesem Jahr (Termin: 23.11.2007, Oberaßbach)
auch ein Auftritt mit Nele Gramß an. Nun liegen zwischen Elsa/Bad
Rodach und Warnau bei Kiel ein paar mehr Kilometer als ich sie habe zu
Dir von Hamburg aus überwinden müssen. Wie seid ihr zueinander
gekommen, wie läuft es da mit den Proben?
M.F.:
Räumliche Distanz
muss nicht ein unüberwindbares Hindernis sein. Lautenisten spielen, da
rar gesät, in fast jeder Gegend. Nele und ich kennen uns schon seit
geraumer Zeit aus sehr unterschiedlichen Projekten. Und endlich klappt
es nun einmal mit einem gemeinsamen Programm! Es war Neles Idee, einmal
Lieder mit Bezug zum Thema „Nacht" zusammenzustellen und zu
präsentieren. Eine reizvolle Themenstellung. Die Möglichkeiten zur
gemeinsamen Probe sind natürlich wirklich sehr eingeschränkt. Im
Profi-Lager ist es unerlässlich, sich auch binnen kürzester Zeit
miteinander auf ein gemeinsames Verständnis der zu präsentierenden
Stücke zu verständigen. Für eine Probe im klassischen Sinne bleibt da
vielfach gar keine Zeit. Nele und ich haben aber eine gute
Vorlaufspanne, um das Programm zu entwickeln. Und es gibt ja auch
Kommunikationsmittel, die die Zusammenarbeit über die Distanz hinweg
erleichtern. Auf Thurn und Taxis sind wir ja nun schon seit einiger
Zeit nicht mehr angewiesen! Ebenso wie auf das Konzert mit Nele freue
ich mich auf den gemeinsamen Auftritt mit Fred Jacobs und Axel Wolf.
Axel hatte die Idee zu diesem gemeinsamen Konzert, da wir uns sonst nur
im Graben der Bayerischen Staatsoper sähen. Geplant sind Duette von
Castaldi und Weiss, sowie zwei Sätze zu dritt aus einer Bachschen
Triosonate. Gewiss ist, dass Axel Stücke aus seiner aktuellen
Hasse-Einspielung, Fred aus seiner Visée-CD... und ich aus meiner
demnächst erscheinenden CD mit Stücken aus dem Harracher Manuskript
spielen werde. Termin: 28.10.2007, Loisachtal.
M.T.:
Wo siehst Du in
naher Zukunft noch besondere Herausforderungen für die Alte Musik?
M.F.:
Aus eigener
jüngster Erfahrung: auf meinem diesjährigen Kurs in Österreich war eine
Lautenistin aus Minsk; und aus den Berichten von Kolleginnen und
Kollegen, die sich in der Vermittlung von Kenntnissen und
allgemein oder zu einem bestimmten Fähigkeiten im Bereich der Alten
Musik Instrument engagieren, habe ich den Eindruck, dass dem Interesse,
das es auch und gerade bei jungen Menschen in den osteuropäischen
Staaten an einer qualifizierten musikalischen Ausbildung und an
professionellen Instrumenten der Alten Musik gibt, noch lange nicht ein
entsprechendes Angebot vor Ort gegenüber steht. Es wäre sehr schön,
wenn es hier zu dauerhaften konzertierten Aktionen kommen
könnte, bei denen etwa auch die Instrumentenbauer mitziehen: eine
Tabulatur lässt sich durchs Internet schicken. Du kannst auch eine
Videokonferenz oder eine Videounterrichtsstunde organisieren. Ein
Instrument bekommst Du aber nicht durch die Leitung gequetscht ... wohl
aber einen Bauplan. Eine finanzielle Unterstützung durch Sponsoren oder
staatlichen Stellen wird dabei wohl unerlässlich sein: jeder Schritt,
den Du vor die Tür machst, kostet einfach Geld. Von richtigen Gagen
braucht man in diesem Zusammenhang gar nicht zu sprechen. Es wäre
schön, wenn sich so einer Aufgabe jemand initiativ annehmen würde,
die/der in seinem Zeitbudget noch Platz hat, einen soliden
organisatorischen Rahmen zu entwickeln, etwa über einen gemeinnützigen
Verein.
M.T.:
Eine Homepage ist
immer auch direkte oder indirekte Selbstdarstellung. Auf Deiner
Homepage (www.michael-freimuth.de) hast Du mir mit den unkommentierten
Bildern in der "Galerie" einige Rätsel aufgeben: einmal ziert Dich ein
Eselskopf (Ein Sommernachtstraum?), auf einem anderen Bild bist Du in
einem Rokkokokostüm zu sehen, auf anderen sieht man Dich mit mehr oder
minder bekannten Personen ...
M.F.:
Es sind insgesamt
Bilder aus meinem Werdegang. Sehr freue ich mich nach wie vor, dass
jemand zum richtigen Zeitpunkt auf den Auslöser gedrückt hat, als ein
älterer Herr mir Gitarrenunterricht gibt: das ist Karl Scheit bei einem
Kurs in Bad Hersfeld. Der Eselskopf: Die Aufnahme entstand bei einer
Kostümprobe für die Aufführung "La festa theatrale" - italienische
Karnevalsmusiken (dazu gibt es übrigens auch eine CD) - mit Thomas
Hengelbrock. Die Inszenierung war so angelegt, dass der Chor
verschiedene festliche venezianische Karnevalskostüme trug. Die
Musikerinnen und Musiker waren als Clowns und Harlekine eingekleidet,
die Continuogruppe als "Die vier Bremer Stadtmusikanten". Und das
waren: Hille Perl (Katze), Lee Santana (Hund), Michael Behringer (Hahn)
und ich, der Esel. Und die barocke oder rokokomäßige Einkleidung war
gefordert bei einem Auftritt zu einem opulenten Buffet anlässlich der
ANUGA, der weltgrößten Genußmittelmesse. Wir wurden dazu professionell
eingekleidet und geschminkt. Ich bin sehr froh, dass wir als Musiker im
Gegensatz zu den Sängerinnen und Sängern - etwa auf der Opernbühne -
nicht immer kostümiert und geschminkt auftreten müssen. Es ist gut
schwitzen in einem Kostüm und unter der Perücke, ganz abgesehen davon,
dass Kostümierung auch nicht gerade die Bewegungsfreiheit fördert.
M.T.:
Du besitzt nicht
nur eine Originallaute (siehe oben), sondern hast auch das große Glück,
an der Erschließung wiederentdeckter Lautenmanuskripte mitwirken zu
können, den Harracher Manuskripten, die auch eine ganze Reihe von
Silvius Leopold Weiß zugeschriebenen Stücken ohne Konkordanzen
enthalten.
M.F.:
Es war schon sehr
aufregend, als mir Paul und Christoph Angerer, "Consilium Musicum
Wien", mit denen ich mich seit Jahren verbunden fühle, das Material
zeigten. Es stellte sich ganz schnell heraus: 200 Seiten, zwei
Manuskripte á jeweils etwa 100 Seiten, Barocklautentabulaturen, fein
säuberlich geschrieben. Das eine Manuskript ist übertitelt, allerdings
in einer neueren Schrift (19. oder 20. Jahrhundert) mit: "Weiss Sylvio
- Lautenmusik", das andere mit "Lauten Musik von unbekannten
Componisten". Schon beim ersten Durchblättern war klar, dass hier sehr
viel interessantes Material vorliegt und auch im zweiten Manuskript
Konkordanzen zu Stücken von Weiß bestehen. Beim Anspielen dann
offenbarte sich, dass die Manuskripte auch bislang unbekannte Stücke
von Weiß enthalten; und zwar überraschend viele!
M.T.:
Einen halben
Schritt zurück bitte! Woran hast Du denn die Autorenschaft von S.L.
Weiss festmachen können?
M.F.:
Über einigen
Stücken steht der klare Hinweis auf den Komponisten, folgende Stücke
weisen dann einen Titel wie "Courante du méme" auf, haben also den
Rückbezug auf den zuvor angebenen Komponisten.
M.T.:
Auch das muss noch
kein eindeutiger Beleg sein. Bei der Bekanntheit von S.L. Weiß und der
Wertschätzung seiner Kompositionen (wobei ich die anderen
lautespielenden Mitglieder der Familie Weiß einbeziehe) ist duchaus
nicht auszuschließen, dass Stücke eines oder anderer Komponisten durch
das Prädikat der Zuweisung zu S.L. Weiß "geadelt" wurden. Auch die
Lautenistenwelt hat ja im Übrigen durchaus Erfahrungen mit
musikalischen, fantasiebegabten Gegenwartskünstlern mit einem
interessanten Oeuvre ...
M.F.:
Es gibt in der
Musikwelt einschlägige Erfahrungen mit Täuschungen oder "fakes". Hier
aber liegen eindeutig und unzweifelhaft Originalmanuskripte vom Anfang
des 18. Jahrhunderts vor. Dann enthalten die beiden Manuskripte Stücke,
die u.a. bekannt sind aus autografen Manuskripten von S.L. Weiß. Das
verdichtet nun die Annahme, dass in einem der Harrachschen Manuskript
vor oder nach einem konkordanten Stück stehendes und mit dem Hinweis
auf den Komponisten Weiß versehenes tatsächlich auch ihm zuzuordnen
ist.
M.T.:
Und nun die
Stücke, die keine Komponistenangabe haben?
M.F.:
Solche Stücke gibt
es ebenfalls in den Harracher Manuskripten. Die fehlende
Komponistenangaben ist (leider) sehr häufig bei den Tabulaturen. Bei
diesen Stücken oder Suiten ist auf jeden Fall eindeutig, dass sie im
Stil der Lautenmusik von etwa, ich greife jetzt eine Jahreszahl, 1720
komponiert sind; zu erkennen an bestimmten Wendungen und Verzierungen.
Eine Gruppe lasst sich aufgrund der Konkordanzen zu den großen
Weiß-Quellen in London und Dresden eindeutig Weiß zuordnen. Kommen
jetzt Charakteristika der Kompositionen von S.L. Weiß in der
Harmoniewahl und -folge sowie Stilistik hinzu, wie etwa bei der
d-moll-Suite, die ich jetzt eingespielt habe, dann bin ich mir sicher:
das ist von Weiß. Wäre jemand in der Lage gewesen, so etwas
eigenständig oder imitierend zu komponieren, wäre er oder sie doch
selbst bekannt gewesen und hätte ein Verwertungsinteresse gehabt. Es
gibt da das Duett, bei dem als Komponistenangabe nur "Weiß" steht, kein
Vorname wie bei anderen Stücken in den beiden Manuskripten. Das Duett
unterscheidet sich im Stil etwas von den anderen
S.L.Weiß-Kompositionen, hat eher spielerischen Charakter, etwa im
Vergleich zu seinen späten Suiten. Vielleicht stammt dieses Duett von
einem anderen Mitglied der Lautenistenfamilie Weiß ... wer weiß?
M.T.:
Du hast Dich sehr
intensiv mit den Harracher Manuskripten auseinander gesetzt, was an
dieser Stelle nicht alles dargelegt werden kann und auch nicht sollte,
denn irgendwann in hoffentlich absehbarer Zeit erscheint ja wohl die
Faksimile-Ausgabe mit einem auch Dein Wissen um das Manuskript
wiedergebenden Vorwort.
M.F.:
Ich bin da guter
Dinge! Die Deutsche Lautengesellschaft hat ja auch das Angebot gemacht,
die Faksimile-Ausgabe über sie herauszugeben. Ich bin ebenfalls guter
Dinge, dass meine Einspielung mit den Solostücken aus den beiden
Harracher Manuskripten als Ergänzung zur bereits vorliegenden
Einspielung von Kammermusik aus den Harracher Beständen demnächst
verfügbar sein wird.
M.T.:
Lieber Michael,
herzlichen Dank für das Interview und für die köstlichen aus Eurem
Garten stammenden Pflaumen, die wir während des Gespräches - bereits
mundgerecht aufbereitet - vertilgen konnten!
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