Leider gibt es im MS Göess-Hueber
(wie auch in anderen Lautenmanuskripten) keinen schriftlichen
Hinweis auf die Komponisten der jeweiligen Stücke.
Kannte man bei Notierung der Stücke in dem Manuskript
auf die Angabe der Komponisten verzichten, weil jeder
Spielerin/jede Spieler sofort klar war: "Das ist
doch von ...!"?
Die ersten 42 Stücke (bzw.
43, da ein Menuett zweimal auftaucht) des MS Göess-Hueber
sind wohl von Hueber kopiert worden (Folien 2v - 32).
Diese Stücke bilden sechs Suiten. Die ersten vier
der sechs Suiten sind Fassungen der auch im MS Wien/Vienna
V1078 enthaltenen Sonaten/Suiten von Graf Pergen und
Prinz Lobkowitz (siehe zu den Unterschieden und Parallelen
an anderer Stelle).
Wie im MS Wien/Vienna V1078 folgt
den Sonaten/Suiten von Graf Pergen und Prinz Lokkowitz
im MS Göess-Hueber ab Folie 21v eine Sonate/Suite
in g-moll (Allemande - Courante - Menuet -Trio - Bourée
- Gigue). Diese Sonate/Suite ist allerdings nicht mit
der G. Porsille zugeschiebenen im MS Wien/Vienna V1078
identisch oder würde auch nur entfernt an sie erinnern.
Eine weitere Sonate/Suite in g-moll (Entrée -
Menuet - Echo - Men: - Gigue - Rigodon - Sarab: - Pas
.?..) schließt sich an. Auch hier fehlt die Angabe
des Komponisten.
Den Abschluss der von Hueber
notierten Stücke bilden zwei Arien, die offenkundig
(lange Pausen verzeichnet) jeweils den Lautenpart eines
Ensemblestückes oder die Begleitung zu einer Arie
darstellen. Auch hier fehlt wieder der Hinweise auf
den oder die Komponisten.
Was nach den Hueber-Aufzeichnungen
notiert ist, könnte dem ersten Hinsehen oder Spielen
nach vielfach unter die Kategorie "technische Übung"
und "Kompositionsübung" fallen. Eindeutige
Ausnahmen bilden dabei überwiegend die von Maria-Anna
notierten Stücken (z.B. die Pichler-Parthia (Allemande
- Gavotte - Minuet - Trio - Paisane - Capricio) auf
den Folien 49v ff.).
Als vorläufige Einschätzung
teile ich auf jeden Fall nicht die im Registerband veröffentlichte
Ansicht, was nach den Kopien der Stücke von Bergen
und Lobkowitz folgt, sei wohl eher das, was vielleicht
dem musikalischen Stile Huebers entspreche: mit dieser
verallgemeinernden Aussage werden die vielen "Etüden"
unterschlagen, die diesem MS doch einen besonderen Charme
verleihen. Den "Etüden" und "Kompositionsübungen"
einen "musikalischem Stil" zuzuordnen oder
sie als Ausdruck eines "musikalischen Stils"
zu charakterisieren, halte ich eindeutig für überzogen.
Eher lässte die Häufigkeit der notierten "Minuette"
darauf schließen, dass dem Zeitgeschmack Entsprechendes
aufgezeichnet wurde.
Bei einem Teil der Stücke,
die nicht den Suiten von Bergen, Lobkowitz oder Pichler
zuzuordnen sind, ist beim Hören - aber auch beim
Lesen der Tabulaturen - der Eindruck von Bekannt- oder
Vertrautheit nicht ganz von der Hand zu weisen. Es scheint,
als hätten die Schreiberinnen/Schreiber etwas gehört
und dann aus dem Gedächtnis notiert. Und das Gedächtnis
trügt bekannter Weise ja gelegentlich; und dann
muss interpoliert werden.
Zwei Beispiele sind für
diese Arbeitshypothese zu benennen:
das "Allegro" Folie
78v/79 und das "Minuet" Folie 110v
Und diese Beispiele sind dann
auch akustisch (midi-file) zu erfassen:
Ob S.L. Weiss oder Pichler der
Komponist dieser beiden Stücke ist oder beide je
eines der Stücke geschrieben haben, ist derzeit
noch nicht definitiv geklärt.
Kaum vorzustellen vermag ich
mir allerdings ein Lautenbuch aus dieser Zeit, das nur
zwei Bezüge zur Musik von Weiss oder von Sammlungen
mit Weiss-Bezug haben soll.
Hier wartet noch einige Arbeit,
um weitere Konkordanzen herauszufinden und eindeutig
zu belegen. Bei den Stücken, die aus Maximillianas
Hand stammen, wird es nicht ganz einfach sein: wohl
zum Teil Gehörtes wurde aus dem Gedächtnis
notiert und dabei auch noch sehr unkonventionell vorgegangen
(Taktstriche und Notenwerte als Zufallsereignisse?). |