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Barock und "Galante Musik" - Tabulaturen für Laute und Gitarre

- Das MS Göess-Hueber -

 


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27.01.2006

 

Maximilliana von Göess

Das MS Göess-Hueber
(Facsimile bei Tree Edition)

  "Lauten Puech
vor die Hoch und Wohl gebohrne Reichs graffin
Maxmilliana von Goeß, welches durch mich

Antoni Joseph Hueber als hoch deroselben Lehrnmaister im Jahr 1740
geschriben worden"


 

Herkunft

Das Manuskript: Dokument in vielfacher Hinsicht

Umfang des Lautenbuches

Die Widmung

Die Hinweise zur Stimmung der Laute

Zum Inhalt des Manuskriptes

Ein Motivationsbuch - ein Übungsbuch - ein musikalisches Tagebuch


Zupfer2

 

Herkunft
Das Manuskript "Göess-Hueber" gehört zur Sammlung von Musik-Handschriften
des 17. und 18. Jahrhunderts aus dem Besitz der österreichischen Adelsfamilie
Goess auf Schloss Ebenthal. Es wurde als Faksimiledruck im Rahmen einer Gesamtausgabe aller lautenbezogenen Manuskripte der Sammlung herausgegeben
in der TREE-Edition (
1 ). :

Die Geschichte der Entdeckung der Musik-Manuskripte im Besitz der Familie
Göess ist dem Vorwort aller in der TREE-Edition veröffentlichten Bände zu
entnehmen. Albert Reyerman, dem Herausgeber, sei an dieser Stelle aber ganz besonders gedankt für das Einverständnis zum Abdruck von Auszügen im Rahmen
dieser Abhandlung.

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Das Manuskript: Dokument in vielfacher Hinsicht
Die Manuskripte der Göess-Sammlung sind viel mehr als lediglich Sammlungs
-
dokumente einer den seinerzeit üblichen Gepflogenheiten entsprechend musikalisch interessierten Adelsfamilie: die Manuskripte sind zum Teil von eigener Hand der Familienmitglieder gefertigt und geben von daher einen Einblick in persönliche musikalische Vorlieben, Beziehungen, aber auch in gewisse Schwächen oder
Stärken ... Das MS Göess-Hueber ist dafür ein besonders gutes Beispiel.

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Umfang des Lautenbuches
Das Manuskript umfasst 128 Folien, von denen einige wenige leer sind. Je nach Zählweise enthält das MS 143 bzw. 141 Stücke. Zur Erläuterung: es gibt die Dop
-
pelung des Anfanges eines "Capricios" (Folie 53v) aufgrund eines Kopierfehlers in der Hand von Maria-Anna. Zu den fehlerhaften Takten, die dann neu notiert wurden, heißt
es "gilt nichts"
( 2 ) . ' Bei den von Hueber notierten Stücken kommt es in der vierten Sonate/Suite zu der Doppelung eines Menuetes. Es findet sich zum einen auf
Folie 19 (nach der Fantasie), dann aber noch einmal auf Folie 20v nach der Gigue.

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Die Widmung
Angelegt bzw. begonnen wurde die Sammlung des so genannten "Göess-Hueber" von Antoni Joseph Hueber, dem Lautenlehrer der Maxmilliana, Reichsgräfin von Goess. Es wurde 1740 begonnen, zu einem Zeitpunkt also, als die Schülerin (geb. 1725, gestorben 1755) 15 Jahre alt war. Ein Hinweis auf den Zeitpunkt des Abschlusses der Sammlung ist nicht nachweisbar.

Die einleitende Widmung des Manuskriptes von der Hueberschen Hand lautet:

"Lauten Puech
vor die Hoch und Wohl gebohrne Reichs graffin
Maxmilliana von Goeß, welches durch mich
Antoni Joseph Hueber als hoch deroselben Lehrnmaister im Jahr 1740
geschriben worden"

Von Hueber ist - zumindest mir - nicht mehr bekannt, als dass er der Lautenlehrer von Maximilliana von Göess war. Wie lange er diese Tätigkeit ausgeübt hat, lässt sich aus dem Manuskript nicht erschließen. Nach den von ihm aufgezeichneten Stücken taucht seine Handschrift im Manuskript nicht wieder auf; auch nicht, um Korrekturen anzubringen, derer es vieler bedurft hätte.

Ob die von ihm notierten Stücke - sie machen etwa ein Drittel der Stücke des Manuskriptes aus - überhaupt im Unterricht eine Rolle gespielt haben (außer dass sie von ihm vorgespielt wurden), ist zu bezweifeln, wenn 

a) unterstellt wird, dass es sich um den Unterricht für eine Anfängerin gehandelt hat, 

b) als Beurteilungsmaßstab der überwiegende Teil der weiteren, nicht vom ihm notierten Stücke des Manuskriptes herangezogen wird: diese setzen wesentlich weniger spielerisches Vermögen voraus.

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Die Hinweise zur Stimmung der Laute
Auf der Folie 2 des Manuskriptes sind in drei Handschriften Hinweise zur Stimmung der Laute notiert. Neben der d-moll-Grundstimmung (in der Handschrift von Hueber) gibt es Hinweise zur Stimmung in D-, B(b)- und A-Dur (wohl in der Handschrift von Maria-Anna, der Mutter von Maximilliana). Maximilliana hat sich zur Stimmweise der Laute auf dieser Seite als Kommentar zur Tabulaturnotierung vermerkt:

"Zu der fölligen Lauten zu stimmen erstlich nimbt man die höchste Saite wie folgt"  (Diskant)

und

(Bass) "Der Bass ist allezeit um ein octav tiefer".

Die Angaben zur Stimmung der Laute beziehen sich auf ein 11-chöriges Instrument. Die Tabulaturen des Manuskriptes enthalten aber auch Stücke für ein 13-chöriges Instrument. Überwiegend sind die Stücke allerdings für die 11-chörige Barocklaute angelegt.  

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Zum Inhalt des Manuskriptes
Die ersten 42 Stücke (bzw. 43, da ein Menuett zweimal auftaucht) des MS sind wohl von Hueber kopiert worden (Folien 2v - 32). Diese Stücke bilden sechs Suiten. Ihnen folgen, auch in der Handschrift von Hueber, zwei Stücke, Arien, die offenkundig (lange Pausen verzeichnet) jeweils den Lautenpart eines Ensemblestückes (Begleitung zu einer Arie) darstellen. Die ersten vier der sechs Suiten sind Fassungen der auch im MS Wien V1078 enthaltenen Sonaten/Suiten von Graf Pergen und Prinz Lobkowitz (siehe
Konkordanzen ). Ein Hinweis zu den Komponisten gibt es aus der Hand von Hueber nicht, ebenso fehlen auch bei allen anderen Stücken des MS die Angaben zum Komponisten, was die Identifizierung der Stücke nicht erleichtert.

Im Registerband der TREE-Edition zur Goess-Sammlung heißt es im Überblick:

"Die ersten 41 Stücke des Ms., die insgesamt sechs Suiten bilden, sind wohl von Hueber kopiert. Vier dieser Suiten sind identisch mit Werken von J.F.W Rgrf. von Pergen (drei) und Philipp Hyacinth Fürst von Lobkowitz (eine), die in der Handschrift Suppl.Mus 1078 der Österreichischen Nationalbibliothek überliefert sind. Eine weitere Suite (ff 47v - 51v) stammt von Pichler."

Diese Beschreibung ist nicht ganz präzise und sollte in einer weiteren Auflage korrigiert werden. Zum einen sind auch zwei Stücke in der Handschrift von Hueber notiert, bei denen es sich jeweils wohl um die Lautenstimme von Ensemblestücken - "Arien" - handeln dürfte. Zum anderen halte ich es als das Ergebnis von systematischen Vergleichen nicht für korrekt, undifferenziert von einer "Identität" der Stücke von Graf Bergen und Prinz Lobkowitz in den beiden Manuskripten zu sprechen. Beispiele für diese Hypothese sind in der Darstellung zu den Konkordanzen zu finden.

Im Registerband der TREE-Edition zur Goess-Sammlung heißt es auch:

"Nach den ersten sechs Suiten erscheint eine andere Schrift, und diese bleibt auch für die restlichen 102 Stücke. Diese Schrift scheint die der jungen Maximiliana gewesen zu sein, denn es gibt zahlreiche Unaufmerksamkeiten und Fehler in der Tabulatur und auch der musikalische Stil ist nun ein anderer (vielleicht der von Hueber?)."

Auch hier scheint bei einer Neuauflage die Ausbringung von Korrekturen hinsichtlich der Anzahl der Handschriften geboten. Siehe dazu die Ausführungen auf der Seite Handschriften .

Als vorläufige Einschätzung teile ich auch nicht die im Registerband veröffentlichte Ansicht, was nach den Kopien der Stücke von Bergen und Lobkowitz folgt, sei wohl eher das, was vielleicht dem musikalischen Stile Huebers entsprach. Im Gegenteil: dies scheint mir vollständig Abbild und Teil der musikalischen Lebenswelt der Familie Göess und ihres Umfeldes zu sein mit dem Schwerpunkt der Wahrnehmung von und Widmung für Maximilliana!

Überaus spärlich sind im gesamten Manuskript technische Hinweise zur Ausführung: Anweisungen für die Griffe der linken Hand gibt es nicht, Anweisungen für die rechte Hand sind äußerst selten. Um ein "Lern- oder Lehrbuch" im heutigen Sinne handelt es sich beim Göess-Hueber also nicht.

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Ein Motivationsbuch - ein Übungsbuch - ein musikalisches Tagebuch
Insgesamt ist der Eindruck nicht von der Hand zu weisen, dass Hueber das MS für seine Schülerin als "Motivationseinstieg" angelegt hat: zuerst einige aktuelle "Hits" adliger Dilettanten (im damaligen Sinne!), also von Non-Professionals aus der eigenen sozialen Gruppe, als "Zielvorgabe", dann wohl Blancoseiten, die mit der Zeit von anderen Personen gefüllt worden sind. Dass der Lehrer Hueber seiner Schülerin die Stücke auch vorgespielt hat, darf - ausgehend von der heutigen Unterrichtspraxis - positiv unterstellt werden. Vergleicht man das, was ich als "Zielvorgabe" charakterisiert habe (die von Hueber notierten Stücke), mit dem, was dann folgt, sind Zweifel angebracht, ob Maximilliana die beispielgebende "Zielvorgabe" jemals erreicht hat; weder als Kopistin, Lautenistin noch als Komponistin, unterstellt, einige der Stücke sind Kompositionsübungen von ihr.

Ein Übungsbuch ist das Manuskript allemal - für Maximilliana wohl in mehrfacher Hinsicht: Tabulatur schreiben, diese spielen, aus dem Gedächtnis Gehörtes notieren, von anderen Notiertes spielen.

Ein musikalisches Tagebuch - oder Erinnerungsbuch - vielleicht auch in dem Sinne, dass Gehörtes fixiert wurde (wenn eben auch mit eigenen Ergänzung, wo das Gedächtnis nicht ausreichte) und andere Personen - wie in einem Poesiealbum - Stücke eingetragen haben. 

Bemerkenswert, dass jeglicher Hinweis auf die Komponisten fehlt. Spielte es keine Rolle, wer der Komponist war? Dagegen sprechen dem Grunde nach die entsprechenden Angaben in anderen Manuskripten oder die Auslobungen von Händlern (3) . ! Oder brauchten die Komponisten in diesem Manuskript nicht notiert zu werden, weil für Maximilliana und ihr Umfeld klar war, von wem die Stücke stammten?

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Schloss Ebenthal

 

 


 

 

(1) The Ebenthal Tablature Mss.: Pieces for the Lute, GÖESS HUEBER (1740); TREE EDITION (Albert Reyerman), 1997. Herzlichen Dank an Albert Reyerman - TREE EDITION -, der aus seinem persönlichen Archiv die Fotos von Maximilliana zur Verfügung gestellt und die Wiedergabe von Auszügen aus dem Faksimiledruck gestattet hat.
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(2) Es ist bemerkenswert, dass es hierzu im Katalog der Musikalienhandlung Saul B. Groen (Amsterdam) in der Inhaltsübersicht zum MS Göess-Hueber heißt, es handele sich um das Capricio "gilt nichts", das in der Übersicht Pichler zugeschrieben wird. Hier wird aus dem Korrekturhinweis der Name eines Stückes!
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(3) Hannelore Gericke zitiert in ihrer Dissertation "Der Wiener Musikalienhandel von 1700 - 1778" (Graz - Köln 1960) eine Anzeige aus dem "Wienerischen Diarium" Nr. 5 von 1731:

"NB. Nachfolgender Musikalischer Sachen halber hat sich ein kaufender Liebhaber bey dem Verleger des Wieneris. Diarii (v. Ghelen) zu erkundigen: ...".

Es folgt eine Aufzählung von 100 Angeboten. Neben Ensemblestücken mit der Laute als erstgenanntem Instrument von den Komponisten Pichler, Werner, Gio. Zamboni, Strahl, Corelli und Heinichen werden auch zahlreiche Tabulaturen von S.L. Weiss angeboten mit den Hinweisen "Liuto, Violoino e Basso", "Concerto a due Liuto", "verschiedene Lauten-Stuck“", aber auch: "Sinfonia con due Liuti, Violino I, Flauto trav., e Basso" etc.

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